Verpasste Branding-Chance: Warum der Döner mehr verdient als Alufolie und ein generisches Piktogramm
Neulich waren wir im Rahmen unseres Storechecks zu Ethnomärkten in Berlin unterwegs – unter anderem in einem türkischen Lebensmittelmarkt. Kaum vor der Tür, fielen uns die nahgelegenen Dönerläden ins Auge. Und dort entdeckten wir ein Phänomen, das uns nicht mehr losließ: Überall dasselbe Verpackungsbild.
Wer in Deutschland regelmäßig Döner isst – und das sind bekanntlich viele – kennt ihn: den „Dönermann“ auf dem Verpackungspapier. Rot, stilisiert, immer gleich. Doch kaum jemand weiß, woher er stammt. Und fast niemand fragt sich, warum eigentlich jeder Döner gleich verpackt ist. Dabei birgt gerade dieses scheinbar banale Detail eine große, bislang weitgehend ungenutzte Chance: Branding.
Von einem Letraset-Metzger zum ikonischen Dönermann
Die Geschichte des Dönermann-Logos beginnt nicht etwa in einem Berliner Kebab-Haus, sondern in Frankreich. Dort existierte Ende der 1980er-Jahre ein sogenannter Letraset-Bogen – eine Art grafische Transfer-Vorlage für Gestalter – mit einem Metzger, der Rollbraten trägt. Ein deutscher Grafiker übernahm das Motiv, veränderte Details wie Messer und Spieß, ergänzte einen Schnurrbart – und erschuf damit ein Symbol, das Jahrzehnte überdauern sollte. Ohne Markenschutz, ohne strategische Markenbildung.
Und genau das ist das Problem.
Was als charmante Improvisation begann, wurde zur grafischen Konvention – jeder Dönerladen nutzt heute dieselbe Figur. Statt Differenzierung entsteht Gleichförmigkeit. Statt Marke entsteht Austauschbarkeit.
Übrigens: Die Rechte an genau diesem Dönermann-Logo hat sich ein gewisser Sebastian W. gesichert – obwohl er es nicht selbst gestaltet hat. Ein kurioses, aber symbolträchtiges Detail, das zeigt, wie unklar und ungenutzt die Markenzugehörigkeit im Segment Döner oft gehandhabt wird.
Verpackung als Markenbotschafter? Fehlanzeige.
Alufolie. Pergamentpapier. Vielleicht ein generischer Styroporbehälter. Döner wird in Verpackungen übergeben, die funktional sind – aber nicht erzählen, woher er kommt. Keine Farben, keine Typografie, kein Wiedererkennungswert.
Und das in einer Zeit, in der jedes Coffee-To-Go-Getränk durch ein Instagram-Reel wandert, jeder Burger à la Smash zur TikTok-Sensation wird und jedes Food-Styling nach „Shareability“ strebt.
Ein großer Teil der Branche lässt hier Potenzial liegen. Denn das Döner-Papier ist nicht nur Träger für Fett und Soße – es könnte Träger für Markenwerte sein.
Ein Lichtblick: Zwei junge Unternehmer aus Peißenberg haben mit der Kebag eine nachhaltige und gestalterisch wertvolle Alternative zur herkömmlichen Dönerverpackung entwickelt. Die recycelbare Verpackung aus FSC-zertifiziertem Pergamentpapier ersetzt Alufolie und Plastiktüte und funktioniert als funktionale Two-in-one-Lösung, die nicht nur nachhaltiger, sondern auch einfacher zu handhaben ist. Gemeinsam mit Weber Verpackungen arbeiten die Gründer Bilal und Cihan Dalgic daran, die Kebag industriell in Deutschland zu produzieren – ein vielversprechender Schritt in Richtung professioneller Markenbildung im Segment.
Vom Sandwich zur Stil-Ikone: Was andere besser machen
Best Practices gibt es.
Wounder Waffle etwa zeigt, wie konsistentes Branding über Farben, Interior Design und Logo zu einem Wiedererkennungswert führen kann. Die Shops sind auffällig, farblich markant und ziehen visuell in den Bann – auch wenn die Verpackung an sich nicht das Hauptmerkmal ist, so ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild.
Und es gibt sie – Dönerläden, die erste Schritte in Richtung Branding gehen: allen voran die inzwischen deutschlandweit vertretene Kette Haus des Döners. Ursprünglich angelehnt an das visuelle Erscheinungsbild der Netflix-Serie „Haus des Geldes“ wurde das Branding inklusive Logo, Schrift und Stimmung konsequent umgesetzt. Nach einer Abmahnung durch Netflix musste die Gestaltung leicht angepasst werden – das Ergebnis ist dennoch ein überzeugendes Markenerlebnis: gebrandete Papiere, abgestimmtes Design im Laden und ein klar erkennbares Konzept.
Ein weiteres Beispiel: Döner Game – inspiriert von der Netflix-Serie „Squid Game“. Auch hier orientiert sich das visuelle Konzept an der Serie: vom Innendesign über das Branding bis hin zu den Verpackungen zieht sich ein roter gestalterischer Faden. Ob bald ein „Stranger Döner“ folgt? Möglich. Die Mechanik ist jedenfalls erkannt.
Ein Paradebeispiel für gelungenes Storytelling ohne visuelle Markenwelt liefert Mustafa’s Gemüse Kebap aus Berlin. Auch ohne ausgefeiltes Branding oder Farbsystem hat es der Imbiss durch cleveres Marketing und PR geschafft, Kultstatus zu erlangen: Vom legendären Kinospot mit Augenzwinkern bis zu Auftritten in Formaten wie Taff wurde hier eine Marke geschaffen, die weniger über Design und mehr über Erzählung funktioniert. Dass sogar Superstars wie Kanye West (Ye) bereitwillig in der Schlange anstehen, ist Teil dieses Mythos – genau wie das charmante Zitat im Werbespot: „Davor steh’ ich mit mei’m Namen.“
Auch Boba-Tea-Ketten oder Third-Wave-Coffee-Brands nutzen konsequent alles, was physisch mit dem Produkt in Berührung kommt, zur Markenbildung: Becher, Deckel, Strohhalme, Sticker, Servietten.
Warum nicht auch der Döner?
Wie starker Markenauftritt im Döner-Business aussehen könnte
Logo und Farbwelt auf der Alufolie – oder alternativ: große, auffällige Sticker, die auf die Aluverpackung aufgebracht werden
Eigene Typografie auf dem Papier
Slogans, Claims oder Maskottchen als visuelle Trigger
Abgestimmte Gestaltung von Ladenschild, Innenraum und Verpackung – inklusive Menütafeln, die nicht abschrecken, sondern Appetit machen
Nachhaltige Verpackungslösungen wie die Kebag, die durch einfache Handhabung, geringe Lagerfläche und Markencharakter überzeugen
Der Effekt? Höhere Wiedererkennbarkeit. Stärkere Kundenbindung. Und: kostenlose Reichweite durch organisches Teilen auf Social Media.
Starbucks hat es vorgemacht – mit einem scheinbaren Fehler: Die Baristas schreiben (absichtlich oder nicht?) die Namen ihrer Kund:innen oft falsch auf die Becher. Der Effekt: Menschen posten diese „Fehler“ auf Social Media, kommentieren scherzhaft mit „Seit wann schreibt man Aylin – Eilin?“ und erzeugen damit einen viralen Effekt. Starbucks zahlt für diese Werbung keinen Cent – der Name auf dem Becher wird zum Einstieg in eine persönliche Markenerfahrung.
Wer den Mechanismus versteht, erkennt: Packaging ist kein Verpacken – Packaging ist Kommunikation.
Fazit: Döner braucht mehr als guten Geschmack
Wer als Dönerladen nur das Produkt denkt, vergibt Chancen. Wer aber Packaging als Teil der Marke versteht, differenziert sich. Und bleibt im Gedächtnis. Es ist Zeit, dass der Döner ein neues Gesicht bekommt – und die Verpackung dazugehört.
Denn auch das beste Fleisch schmeckt besser, wenn das Drumherum stimmt. Branding included.