Packaging(-Idee) of the Month: Bootsförmige Metalldose für Konservenfisch
Hinweis: Auf das Barca-Napoletana-Konzept sind wir über die sozialen Medien sowie über eine inzwischen entfernte Veröffentlichung der World Brand Design Society aufmerksam geworden, wo das Design immer wieder geteilt wurde – und das ganz ohne kritischen Blick auf seine Umsetzbarkeit. Genau das wollten wir nicht unkommentiert stehen lassen, denn unsere Experten haben sofort die konstruktionellen Probleme erkannt. In unserer Rubrik „Packaging of the Month“ beleuchten wir gewöhnlich die positiven Aspekte einer Verpackung – und das werden wir auch hier tun, denn davon gibt es beim Barca-Napoletana-Konzept reichlich. Anschließend werfen wir jedoch bewusst einen kritischen Blick auf den Entwurf, der als fertige Lösung publiziert wurde, obwohl es sich tatsächlich um eine noch nicht abgeschlossene Arbeit handelt. Denn so gelungen die Grafik auch ist: Verpackungsdesign im Sinne der Form braucht immer auch eine technische Anpassung und Entwicklung. Die in diesem Beitrag gezeigten Bilder des Konzepts stammen aus dem Internet und gehören dem Studio Atyan.
Unser Packaging of the Month ist eines, das bislang sozusagen nur auf dem Papier existiert. Und das wird ziemlich sicher auch so bleiben – zumindest in der derzeitigen Form, denn diese lässt sich physisch kaum realisieren. Die Umsetzung des Barca-Napoletana-Konzepts wäre mit einem viel zu hohen Aufwand verbunden. Im Folgenden stellen wir zunächst die Packaging-Idee vor, die zweifelsohne überaus gelungen, aber nicht zu Ende beziehungsweise nicht ganzheitlich gedacht ist. Deshalb setzen wir uns kritisch mit den konstruktionellen Problemen der bootsförmigen Metalldose für Konservenfisch auseinander.
Metalldose in Form eines kleinen Fischerbootes
Die größte Stärke des Barca-Napoletana-Konzepts liegt in seiner außergewöhnlichen Form. Statt einer klassischen Konservendose präsentiert sich die Verpackung als stilisiertes Fischerboot und macht damit den Markennamen „Barca“ unmittelbar sichtbar, denn „la barca“ bedeutet im Italienischen und auch im Spanischen „Boot“ oder „Kahn“. Die Form dient hier nicht nur dazu, aufzufallen und sich von der Konkurrenz abzuheben, sondern übernimmt auch eine zentrale kommunikative Funktion. Sie stellt eine direkte Verbindung zwischen Marke, Produkt und maritimer Herkunft her und übernimmt einen Teil der grafischen Erzählung. Dadurch entsteht eine starke visuelle Identität, die weit über das hinausgeht, was sich allein durch Foodshots/Illustrationen oder Typografie erreichen lässt. Die Verpackung wird selbst zum Träger der Markenbotschaft.
Reduzierte Frontflächengestaltung mit effektiven Details
Während die Form Aufmerksamkeit erzeugen soll, setzen die Designer des Konzepts bei der Flächengestaltung bewusst auf Zurückhaltung. Die zweigeteilte Farbgebung strukturiert die Dose und unterstützt gleichzeitig die Differenzierung verschiedener Sorten. Großteils bleibt die Fläche weiß, was Frische, Reinheit und Transparenz vermittelt. Insgesamt entsteht so eine ruhige und hochwertige Anmutung. Gerade im Umfeld herkömmlicher Fischkonserven, die häufig mit einer Vielzahl grafischer Elemente arbeiten, wirkt dieser Ansatz angenehm reduziert. Auch die verwendeten Gestaltungselemente folgen einem klaren Prinzip. Der Fisch als Produktabbildung, der Anker als maritimes Symbol sowie die klassische Typografie verweisen unmittelbar auf Herkunft und Inhalt. Nichts erscheint überflüssig oder dekorativ. Jedes Detail erfüllt eine konkrete Funktion innerhalb der visuellen Kommunikation und trägt dazu bei, den qualitätsvollen Charakter des Konzepts zu unterstreichen.
Herausragende Wirkung am Point of Sale
Theoretisch entfaltet das Konzept am Point of Sale eine phänomenale Wirkung. Vor allem die ungewöhnliche Bootsform in Kombination mit der metallischen Oberfläche sorgt dafür, dass die Verpackung sofort ins Auge fällt. Sie wird nicht mehr als gewöhnliche Konserve wahrgenommen, sondern als eigenständiges Designobjekt mit starker Markenidentität. Gerade weil die grafische Gestaltung vergleichsweise reduziert ist, kommt die Form maximal zur Geltung. Das Ergebnis ist eine außergewöhnlich hohe Aufmerksamkeit im Regal, ohne dabei laut oder aufdringlich zu erscheinen.
Hintergrund: Designkonzept des Studios Atyan
Entwickelt wurde das Barca-Napoletana-Konzept vom armenischen Designstudio Atyan. Ziel der Gestaltung war es, die Geschichte des Produkts konsequent in die Verpackung zu übersetzen und die Verbindung zwischen Fischfang, Tradition und Marke unmittelbar sichtbar zu machen. Statt lediglich maritime Motive auf eine Standarddose zu drucken, machten die Designer die Verpackung selbst zum erzählerischen Element. Für diesen Ansatz erhielt das Konzept internationale Anerkennung innerhalb der Kreativ- und Verpackungsbranche. Gelobt wurde insbesondere die konsequente Verbindung von Form, Markenbotschaft und Storytelling. Das Projekt zeigt eindrucksvoll, wie Verpackungsdesign über reine Funktionalität hinausgehen und zu einem emotionalen Markenerlebnis werden kann.
Fazit: Designkunst und Storytelling at its best, aber...
Aus gestalterischer Sicht gehört das Barca-Napoletana-Konzept definitiv zu den spannendsten Verpackungsideen der vergangenen Jahre. Form, Markenname und Produktwelt greifen perfekt ineinander und schaffen außergewöhnliches Storytelling. Gleichzeitig wirft die bootsförmige Geometrie allerdings zahlreiche technische Fragen auf – insbesondere hinsichtlich Dichtigkeit, Bördelung und industrieller Fertigung. Den Spannungsbereich zwischen kreativer Designidee und technischer Realisierbarkeit betrachten wir im weiteren Verlauf genauer.
Creativity vs. Reality: Barca-Napoletana-Konzept in der Kritik
Mit dem Barca-Napoletana-Konzept haben wir eine Verpackung beziehungsweise vielmehr eine Verpackungsidee zum Packaging of the Month gekürt, die ästhetisch auf ganzer Linie überzeugt. Die bootsförmige Metalldose schafft eine außergewöhnlich gelungene Verbindung zwischen Marke, Produkt und Herkunft und zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial in kreativem Verpackungsdesign steckt. Allerdings kommen wir nicht umhin, das Konzept kritisch zu betrachten. Denn so originell und aufmerksamkeitsstark die Idee ist, so schwierig – wenn nicht sogar unmöglich – gestaltet sich ihre technische Umsetzung in der originalen Form.
Das Barca-Napoletana-Konzept kurz zusammengefasst
Zentrales Merkmal des Konzepts ist die konsequente Übertragung des Markennamens „Barca“ (italienisch/spanisch für Boot oder Kahn) auf die Verpackungsform. Die Konservendose erinnert an ein kleines Fischerboot und wird dadurch selbst zum wichtigsten Kommunikationsmittel der Marke, unterstützt durch eine reduzierte, hochwertige Gestaltung mit maritimen Symbolen und klarer Typografie. Jedoch ist gerade die außergewöhnliche Bootsform auch die größte Schwachstelle des Konzepts. Denn die sehr spitz zulaufenden Bereiche und engen Radien stehen im Widerspruch zu den Anforderungen industrieller Konservendosenproduktion.
"Regeln" der Konservenindustrie und grundlegende Probleme von Sonderformen
Die Herstellung von Konservendosen gehört zu den am stärksten standardisierten Segmenten der Verpackungsindustrie – aus guten Gründen. Durchmesser, Höhen, Deckelgrößen und Geometrien sind weitgehend normiert, weil die benötigten Werkzeuge und Produktionsanlagen enorme Investitionen bedeuten. Wirtschaftlich darstellbar sind Sonderlösungen meist nur bei sehr großen Produktionsmengen. Jede Abweichung von etablierten Dosen- und Deckelgeometrien führt zu erheblichen technischen und ökonomischen Herausforderungen. Eine individuelle Sonderform wie die des Barca-Napoletana-Konzepts würde unter anderem die Entwicklung spezieller Tiefziehwerkzeuge sowie modifizierte oder komplett neue Abfüll- und Verschließanlagen erfordern. Entsprechend hoch wären die Investitionskosten.
Hinzu kommt ein weiterer entscheidender Faktor: Unregelmäßige Formen erhöhen prinzipiell das Risiko von Undichtigkeiten. Während runde oder ovalisierte Geometrien Belastungen gleichmäßig verteilen, entstehen bei stark variierenden Radien lokale Spannungsspitzen. Deshalb existieren in der Konservendosenindustrie zahlreiche Standards und Normen, die bewährte Geometrien beschreiben und deren sichere industrielle Verarbeitung ermöglichen.
Technische Herausforderungen bezüglich der Dichtigkeit der Dose
Beim Barca-Napoletana-Konzept sind es in erster Linie die sehr engen Radien an Bug und Heck der Bootsform, die große Probleme verursachen. Diese Bereiche erschweren eine zuverlässige Herstellung und sichere Abdichtung der Dose erheblich.
Problem 1: Bördelungen funktionieren im industriellen Maßstab nur mit größeren Radien
Das Verschließen von Konservendosen erfolgt über die sogenannte Bördelung beziehungsweise den Doppelfalz. Dabei werden Deckel und Dosenkörper mechanisch miteinander verformt und zu einer dauerhaft dichten Verbindung zusammengefügt. Die dafür eingesetzten Falzrollen arbeiten am zuverlässigsten bei konstanten Radien und gleichmäßigen Krümmungen. Doch genau diese Voraussetzungen sind bei der bootsförmigen Dose nicht gegeben. Insbesondere an der Spitze entstehen sehr enge Radien und starke Änderungen der Kontur. Das kann ungleichmäßige Nähte, schwankende Falzqualitäten und eine unzureichende Falzkompression zur Folge haben. Damit steigt das Risiko von Undichtigkeiten enorm.
Problem 2: Materialstauchung und Materialdehnung können die Dichtigkeit reduzieren
Beim Bördelprozess wird der sogenannte Deckelcurl umgelegt und mit dem Dosenkörper verpresst. In Bereichen mit sehr kleinen Radien muss sich das Material jedoch unterschiedlich stark verformen. Auf der Innenseite entstehen Materialstauchungen, während die Außenseite gedehnt wird. Dadurch können Faltenbildungen, Lackrisse und lokale Materialschwächungen auftreten. Selbst wenn die Dose äußerlich intakt erscheint, weist sie möglicherweise mikroskopisch kleine Leckagen auf, die die Produktsicherheit gefährden. Gerade bei sterilisierten Fischkonserven sind solche Risiken nicht akzeptabel, da die hermetische Dichtigkeit der Verpackung eine zentrale Voraussetzung für die Haltbarkeit ist.
Problem 3: Werkzeugzugänglichkeit ist eingeschränkt
Ein weiterer kritischer Punkt betrifft die Geometrie der Verschließwerkzeuge selbst. Die in der Industrie verwendeten Falzrollen haben typischerweise Durchmesser von etwa 30 bis 60 Millimetern. Ist der Radius der Dosenkontur kleiner als die Werkzeuggeometrie, kann die Rolle der Kontur nicht mehr sauber folgen. Die erforderliche Bewegungsbahn wird zu eng, wodurch die Qualität des Verschlusses leidet oder bestimmte Zonen gar nicht mehr ordnungsgemäß bearbeitbar sind. Genau in diesem kritischen Bereich bewegen sich die spitz zulaufenden Enden der Barca-Napoletana-Dose.
Problem 4: Belastungen während der Sterilisation gefährden die strukturelle Stabilität
Fischkonserven werden nach dem Verschließen in Autoklaven sterilisiert. Dabei herrschen Temperaturen von etwa 121 Grad Celsius sowie erhebliche Druckbelastungen. Während dieses Prozesses wirken Kräfte auf den gesamten Dosenkörper. Bei standardisierten Geometrien verteilen sich die Belastungen mehr oder weniger gleichmäßig. Spitz zulaufende Formen erzeugen dagegen lokale Spannungsspitzen. Dadurch steigt die Gefahr von Verformungen, Materialermüdung oder Schwachstellen im Bereich der Verschlussnaht. Je komplexer die Geometrie, desto schwieriger wird es, die strukturelle Stabilität über den gesamten Sterilisationsprozess hinweg sicherzustellen.
Idee für die reale Umsetzung
Die Grundidee des Barca-Napoletana-Konzepts muss deshalb keineswegs verworfen werden. Mit deutlich weicheren Konturen und Radien im Bereich von etwa 15 bis 20 Millimetern ließe sich eine technisch wesentlich realistischere Interpretation des Bootsdesigns entwickeln. Dass dieser Ansatz tragfähig ist, bestätigt auch ein Blick in den Markt: Mit der unten abgebildeten Tulip-Dose existiert bereits eine vergleichbare Lösung, die genau diese weicheren Konturen und größeren Radien nutzt – und damit unsere Analyse eindrucksvoll untermauert.
Fazit: Design und Realisierbarkeit müssen Hand in Hand gehen
Das Barca-Napoletana-Konzept zeigt, wie kraftvoll Verpackungsdesign sein kann, wenn Form und Markenstory miteinander verschmelzen. Aber es verdeutlicht auch eine zentrale Erkenntnis der Verpackungsentwicklung: Das beste Design verliert seinen Wert, wenn es sich technisch und wirtschaftlich nicht umsetzen lässt. Erfolgreiche Verpackungen entstehen dort, wo Kreativität, Konstruktion, Produktion und Produktschutz von Beginn an gemeinsam gedacht werden.
Wir heißen nicht umsonst B+P Creality. Unser ganzheitlicher Ansatz impliziert an vorderster Front, Creativity und Reality zu 100 Prozent in Einklang zu bringen.